Junge Autoren leben heute in einer überaus merkwürdigen Zeit. Wir alle sitzen zwischen den Stühlen einer ebenso grundlegenden, wie absurden Dichotomie der zeitgenössischen Literatur-Branche.

Auf der einen Seite wollen wir alle unseren ersten richtigen Roman schreiben. Auf der anderen Seite ist unsere einzige Möglichkeit überhaupt als Autor zur Kenntnis genommen zu werden, die Teilnahme an Ausschreibungen. Diese Ausschreibungen fordern aber: Kurzgeschichten. Also schreiben wir viele Kurzgeschichten. Natürlich wollen wir alle gute Autoren werden und unsere Geschichten auch irgendwann bei einem richtigen, echten Verlag publiziert sehen. Einem Verlag mit echten Lektoren und einem Budget und Zugang zu Buchhandlungen und was halt alles dazugehört.

Diese Verlage gibt es auch und keiner von ihnen will Kurzgeschichten publizieren. Einfach weil kein Mensch Kurzgeschichten liest. Das ist kein großes Geheimnis, jeder weiß es und jeder kann es sehen. Versucht mal in einer großen Buchhandlung eine Kurzgeschichten-Anthologie zu finden. Selbst die Kurzgeschichten von etablierten Autoren verkaufen sich nicht. Der Markt will Romane, nur Romane und nichts außer Romane. Der Roman ist die kleinste Währung innerhalb der Buchbranche.

Auf der anderen Seite kann aber niemand schreiben lernen, wenn er direkt mit einem Roman anfängt. Ich habe zwei fertige in der Schublade, die mir das tragisch verdeutlichen. Beide sind unlesbar, weil ich jeden Fehler gemacht habe, den man beim Schreiben von Romanen machen kann.

Trotzdem gibt es Hoffnung quasi in Form eines Trostpreises. Wer sich die Mühe macht und der Kurzgeschichte zuwendet, lernt unglaublich viel was er später beim Schreiben seines Romans dringend brauchen wird. Wer die Struktur einer Kurzgeschichte versteht, der versteht auch wie ein Roman funktioniert. Erst dann hat er das Werkzeug, ohne das es nicht geht in Händen.

Das eine, was jedoch nicht funktioniert und was ich immer wieder schiefgehen sehe, ist das Argument: Ich kann die Struktur einer Kurzgeschichte nicht beisammen halten, also schreibe ich mal einen Roman, denn da habe ich ja mehr Platz um Sachen zu erklären.

Es ist ein fataler Irrglaube. Das weiß ich so sicher, weil ich die Ergebnisse immer wieder vorgelegt bekomme. Was tatsächlich passiert ist, dass der Autor die schlechte Struktur seiner Kurzgeschichte auf hundert Seiten aufbläht und das Ergebnis hochmotiviert unter zweihundert Seiten Infodump begräbt. Dicht gefolgt von großer Verwunderung, dass niemand seinen Roman lesen will. Kurzgeschichten haben eine komplexe Struktur und wenn die literarische Form länger wird, wird die Struktur komplexer. Jemand, der Schwierigkeiten hat ein Gartenhäuschen zu bauen, sollte deswegen die Finger von Hängebrücken lassen.

Insofern hat es auch seine Vorteile mit Kurzgeschichten anzufangen. Ich sehe Ausschreibungen mittlerweile, wie ich Hausaufgaben in der Schule betrachtet habe. Man macht es und hofft, dass man trotz allem etwas dabei lernt.

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